Assur, der erste Militaerstaat. Das Reich des Schreckens.

von Karl Juergen Hepke

Die Anfaenge des Staates Assur waren nicht leicht. Das Reich von Mitanni bestimmte lange Zeit ueber diese Region und vereinzelte Versuche, diese Herrschaft abzuschuetteln, endeten oft in einer Katastrophe. So auch im Jahr 1450 v. Chr., als nach einem Aufstand gegen den Mitannikoenig Schauschatar Assur gepluendert wurde und seine Schaetze in die Residenz des Siegers wanderten. Erst mit der Schwaechung Mitannis durch innere Wirren vor der Thronbesteigung Tuschrattas erhaelt Assur wieder eine gewisse Freiheit. Aegypten foerdert diese Bestrebungen und zahlt unter Amenophis III um 1380 v. Chr. zwanzig Talente Gold als Subsidien an Assur.

Nach dem Tode des energischen Tuschratta um 1360 v.Chr. bekommen die Assyrer dann Gelegenheit zur Rache. Zusammen mit einem Nachbarstamm fallen sie in Mitanni ein , verwuesten es und gewinnen ihre Schaetze und Trophaeen zurueck. Die adligen Anhaenger Tuschrattas aber, die in ihre Haende fallen, werden in grausamster Weise auf Pfaehle gespiesst. Das Eingreifen der Hethiter beendet diesen ersten Vorstoss der Assyrer. Unter Assuruballit I nehmen die Assyrer dann wieder den Kontakt zu den Aegyptern auf und verbuenden sich durch eine politische Heirat mit den suedlichen kassitischen Nachbarn. Seine Nachfolger kaempfen im Norden gegen Bergstaemme und gegen den unter hethitischer Oberhoheit stehenden Nachfolgestaat Mitannis.

Adadnarari I ( ca 1297 - 1266 ) kann sich dann dieses Gebiet zwischen Chabur und Belich tributpflichtig machen, ohne dass der Hethiterkoenig Muwatalli eingreift. Die neue Macht zeigt sich in Palast - , Befestigungs - und Tempelbauten in Assur. Salmanassar I ( ca 1265 - 1234 ) gliedert dann ganz Chanigalbat seinem Staate ein und deportiert 14000 seiner Bewohner. Das sich in Armenien bildende Reich von Urartu wird zum ersten Mal ueberfallen und ausgepluendert. Die Prinzen werden als Geiseln und zur Erziehung nach Assur gebracht. Ein Blitzkrieg mit einem schnell zusammengestellten Drittel der Streitwagentruppe beendet schnell einen Aufstand im oestlich von Assur gelegenen Gutium. So stroemt reiche Beute von allen Seiten nach Assur, wo Salmanassar den durch eine Feuersbrunst zerstoerten Aschschurtempel wieder aufbauen laesst. In Ninive entsteht ein neues Heiligtum fuer Ishtar und in der Mitte zwischen Assur und Ninive wird die Festung Kalach zur Sicherung des Tigrislaufs gebaut.

Unter Tukutininurta I (1235 - 1198 ) erreicht die Macht Assurs dann einen ersten Hoehepunkt. In den ersten beiden Jahren seiner Regierung weitet er das Staatswesen in einem wahren Siegeszug auf eine Groesse aus, die es bisher nicht erlebt hatte. Die unruhige Westgrenze wird durch Umsiedlung von 28000 Chattileuten von jenseits des Euphrat gesichert und die Guti im Nordosten werden neu unterworfen und zu grossen Holzlieferungen verpflichtet. Assyrische Pioniere bauen feste Heerstrassen in das Gebiet des Van - und des Urmiasees , sodass das Heer auch diese unruhige Gegend schnell erreichen kann. Sie wird "befriedet" und 43 Haeuptlinge werden nach Assur abgefuehrt und nach Ablegung des Vasalleneides wieder entlassen. Unter Bruch aller Traditionen und Vertraege wird dann auch Babylon ueberfallen und ausgeraubt. Vom syrischen Karkemisch ueber Armenien und Gutium bis nach Babylon und die Ufer des persischen Golfes reicht nun der Arm Assurs.

Doch dem Triumphator, der sich als kniender und stehender Beter vor Nusku , dem Vezier seines Gottes Aschschur, hat abbilden lassen, wurde von seinem Volk fuer diese "Grosstaten", wenig Dank entgegengebracht. Vor allem die grausame Behandlung Babylons, dem man sich geistig sehr verbunden fuehlte , und das in den Priestern "Marduks" ( die wahrscheinlich atlantischer Herkunft waren) in Assur einen starken Verbuendeten fand , wurde dem Herrscher sehr uebelgenommen. Veraergert zog er sich zurueck , und liess sich eine eigene praechtige Koenigsstadt Kartukultiniurta erbauen, in der er immer mehr in die Isolierung geriet. Es nuetzt ihm nichts, dass er aus der Kriegsbeute in Assur einen neuen Palast bauen laesst und dass Aschschur- und Ishtartempel glaenzend ausgestattet werden. Auch die Lobpreisung seiner Heldentaten in einem grossen propagandistischen , vom Hofpoeten verfassten Epos haelt seine Gegner nicht davon ab, eine Verschwoerung gegen ihn zu bilden . Schliesslich ermordet ihn sein eigener Sohn. Ein schmaehliches Ende, das nach Ansicht der Zeit auf die Rache Marduks, des missachteten und beleidigten Stadtgottes von Babylon zurueckzufuehren ist.

 
Damit endete dann auch vorlaeufig die Macht Assurs, denn der kronprinzliche Vatermoerder erwies sich als schwacher Politiker, die auswaertigen Verbindungen gingen verloren und auch die eroberten Gebiete loesten sich nach und nach wieder vom auferlegten Joch. Ein weiterer, ebenfalls schwacher Nachfolger Tukultiniurtas fand dann auf dem Schlachtfeld gegen Babylon den Tod, und damit erlosch die Dynastie. Eine Seitenlinie gelangte auf den Thron, aber auch ihr war kein Erfolg beschieden , denn die Macht im Zweistromland ging jetzt wieder auf Babylon ueber, das in der sogenannten zweiten Dynastie von Isin eine Renaissance des Babyloniertums betreibt, und sogar in der Lage ist, einen babelhoerigen Koenig in Assur auf den Thron zu setzen.

Erst unter dem babylonischen Koenig Nebukadnezar I (ca. 1128 - 1105 ) gibt es wieder etwas Aufschwung in Assur. Unter Assurreschischi werden Palast und Tempel wieder in Ordnung gebracht, und die als Ausfalltor nach Westen gedachte Festung Apku wird erbaut. Auch mit Nebukadnezar gibt es Auseinandersetzungen, deren Ausgang auf Grund der proassyrischen Darstellung in Assur aber schwer zu beurteilen ist. Wahrscheinlich wurde in dieser Zeit aber Staat und Heer wieder aufgebaut und so konnte der Sohn und Nachfolger Tiglatpileser I (1116 - 1078 ) auf solider Grundlage seinen Siegeszug starten.

Diese solide Grundlage war wichtig, denn unruhige Zeiten standen ins Haus. Mit dem Untergang des atlantischen Reiches im Mittelmeerraum und der nachfolgenden Wanderung der Seevoelker hatte sich die politische Situation auch im nahen Osten destabilisiert. Das Hethiterreich war unter dem Ansturm der Volksmassen zusammengebrochen und es bestand die Moeglichkeit, aus den hereinstroemenden Voelkern tuechtige Krieger fuer das eigene Heer zu gewinnen. Assur lag an der Pforte zu Syrien und Aegypten und konnte sich aus dem Angebot die besten Kraefte heraussuchen. Tiglatpileser nutzte die Chance und schuf sich das schlagkraeftige Heer, das er fuer seine Eroberungen brauchte. Dazu wendet er sich zuerst den Eindringlingen zu. An seiner Nordwestgrenze begegnet er dem Einfall von 20 000 Angehoerigen der Seevoelker. Zahllose Gefangene werden dem Heer eingereiht, die nicht geeigneten werden zur Ansiedlung nach Assyrien geschickt. Auch viele kampferprobte und ausdauernde Beutepferde verstaerken die Armee, die damit eine Staerke erreicht, der keiner in der Region widerstehen kann. Tiglatpileser nutzt deshalb die Gunst der Stunde, um den ganzen Norden seines Interessengebiets zu durchziehen. Er ueberrennt hethitische Nachfolgestaaten im Osten Kleinasiens, durchzieht die Gebirgslandschaften Armeniens und "besiegt" zahllose Haeuptlinge der "Nairi" - Laender Suedarmeniens bis hin zum Van - See.

" Auf Befehl Aschschurs, meines Herrn, eroberte ich das Gebiet vom unteren Zab bis zum oberen Meer im Untergang der Sonne. Dreissig Koenige der Nairi - Laender warf ich nieder vor meine Fuesse, empfing ihre Geiseln, ihre ans Joch gewoehnten Pferde nahm ich als Abgabe in Empfang. Tribut und Abgabe legte ich ihnen auf."
Mit dem starken und kampferprobten Heer wendet er sich dann nach Syrien, wo die Zedernwaelder des Libanon und die reichen Staedte am Rande des Mittelmeers locken. Die von den atlantischen Seevoelkern besetzte und als Festung benutzte Stadt Ugarit wird erobert , ausgeraubt und vollstaendig zerstoert. Die Bewohner werden getoetet oder versklavt. Darauf unterwerfen sich Byblos, Sidon und Arwad und werden tributpflichtig . Nun wendet er sich wieder nach Osten. Das sich gegen die eindringenden Gruppen von Seevoelkern wehrende Babylon wird der Grenzverletzung bezichtigt und mit Krieg ueberzogen. " Durkurigalzu, Sippar des Schamasch, Sippar der Anunitu, Babylon und Upi, die grossen Staedte Babyloniens eroberte ich samt ihren Befestigungen. Ein grosses Blutbad richtete ich in ihnen an, ihre zahllose Beute fuehrte ich fort. Mardukmadinachnes, des Babylonierkoenigs, Palaeste in Babel nahm ich ein und verbrannte sie mit Feuer, die Schaetze seiner Palaeste fuehrte ich fort. Zweimal lieferte ich dem Mardukmadinachne , dem Koenig von Babylon, eine Wagenschlacht und toetete ihn."

Aber der Sieger hat aus den Fehlern seines Vorgaengers gelernt. Die Tempel Babylons bleiben unversehrt und der Thron geht an den babylonischen Praetendenten, der als Vasall Assurs die Herrschaft uebernimmt. Tiglatpileser wendet sich wieder nach Westen, um immer wieder gegen die nachrueckenden Scharen der Seevoelker zu kaempfen . Er selbst berichtet, dass er 28 mal gegen sie zu Felde ziehen musste. Dabei macht er immer wieder reichlich "Gefangene" die er im Lande ansiedelt und , da es sich zum grossen Teil um gut ausgebildete Menschen aus dem atlantischen Reich handelt, profitiert das Land ganz erheblich von den Neusiedlern.

Auf Grund des reichlichen Vorhandenseins von Menschen ist es auch moeglich, eine ausgesprochene Politik der Umsiedlung zu betreiben. So werden als unzuverlaessig geltende Staemme aus ihren angestammten Gebieten vertrieben und in andere, oft entgegengesetzt liegende, verschleppt und dort angesiedelt. Die leergewordenen Raeume werden mit zuverlaessigen Assyrern oder atlantischen Neusiedlern gefuellt. Es entsteht ein Staat, in dem die gewachsenen Strukturen immer mehr an Bedeutung verlieren , der aber auch dadurch offen ist fuer einen Neubeginn.

Dieser Neubeginn besteht nicht zuletzt in dem Aufbau eines Militaerstaates hohen Ranges. Die Voraussetzungen dafuer waren einmalig guenstig. Die hervorragenden und durch die lange Wanderung kampferprobten Truppen des atlantischen Heeres trugen mit ihrem Wissen entscheidend zur Ausbildung einer fuer den vorderen Orient neuen Taktik bei.
Sturm, Durchbruch und Verfolgung ist Sache der Wagenkaempfer, die ueber ein speziell dafuer ausgebildetes Pferdematerial verfuegen.
Neben der Streitwagentruppe steht die Infanterie, die den Gegner im Einzelkampf niederstreckt und das gewonnene Gelaende sichert.
Zur Eroberung der Festungswerke, zu Strassenbau und Erschliessung der Gebirgsgegenden dienen die Pioniere, die in dieser Zeit die Belagerungswerkzeuge erheblich verbessern.
Helme, Panzer, Schilde und Setzschilde, genannt Tartschen, schuetzen die Kaempfer.
Ihre Waffen sind Pfeil und Bogen, Speer, Wurflanze und Schleuder, dazu als Nahkampfwaffen Axt, Doppelbeil, Streitkolben und Schwert.

Mit dem 12. Jahrhundert beginnt dann das Eisen als Material zur Herstellung von Waffen die Bronze weitgehend zu ersetzen. Die Gruende hierzu liegen in erster Linie darin, dass, nach dem Niedergang des atlantischen Reiches und seinem Seehandel, der ausreichende Nachschub an Bronze nicht mehr gesichert war. Bronze wurde zur hochbezahlten Mangelware und so war man gezwungen, auf das unedle Eisen, dessen Technologie nur wenige richtig beherrschten, zurueckzugreifen. So gibt es dann in der Folgezeit immer wieder die, aus vielen Geschichten bekannte Situation, dass das Schwert im entscheidenden Zweikampf abbricht.

Zuverlaessige, gute Schwerter, die diese Eigenschaft nicht hatten, wurden hoeher geachtet als Gold . Die Hethiter, die in ihrem Lande grosse Eisenvorkommen besassen, verwendeten dieses Material schon seit langem und hatten so auch die groesste Erfahrung in seiner Verarbeitung. Ihre Schmiede waren deshalb nach dem Niedergang des Hethiterreiches gefragte Leute, und Tiglatpileser gelang es offenbar, eine Reihe davon fuer sich zu gewinnen. Sie konnten ihr Wissen, das noch immer als Geheimwissen behandelt wurde, dann an ausgesuchte Leute weitergeben und das verschaffte den Assyrern gegenueber einigen Gegnern, zumindestens fuer eine gewisse Zeit, einen erheblichen Ruestungsvorteil.

Doch auch auf anderen Gebieten zeigte sich die neu gewonnene Stellung Assyriens. Vielleicht auf Grund der Bildung der neugewonnenen Buerger atlantischer Herkunft fing auch Assyrien an, dem Geistesleben Beachtung zu schenken. Tiglatpileser liess jedenfalls - als wahrscheinlich erster Assyrer - in seinem Palast eine Bibliothek einrichten und fing an, Kunst, Wissenschaft und Literatur zu foerdern. So entsteht dann auch ein Heldenepos auf Tiglatpileser und seine mutigen, alle Feinde niederwerfenden Kaempfer. Auch die Geschichtsschreibung erlebt eine neue Bluete und notiert alle Grosstaten des Koenigs. Fuer die Richter wird ein Handbuch verfasst, das ihnen die taegliche Arbeit erleichtern soll. Es wurde im sogenannten Gerichtstor von Assur von den Ausgraebern wiederaufgefunden.

Wenn man allerdings dieses Buch liest, wird klar, warum Assur auch mit seinen Feinden so grausam verfuhr. Die Assyrer selbst hatten es nicht viel besser. Vor allem die niedrige Stellung der Frau zeigt, wie unkultiviert das Land letztlich noch ist. Beispielsweise wird eine Frau mit dem Tode bestraft, die aus dem Hause ihres kranken oder toten Mannes etwas weggibt. Die gleiche Strafe trifft den Empfaenger. Ist der Empfaenger ein Sklave oder eine Sklavin, werden Geber und Empfaenger die Nasen abgeschnitten. Bei Ehescheidung ist der Mann nicht verpflichtet, der Frau etwas herauszugeben.
Der Militaerstaat klingt an in folgenden Regelungen: Wird der Mann im Krieg vermisst, muss die Frau fuenf Jahre auf ihn warten, ohne dass der Staat ihr irgendwelche Hilfe gewaehrt. Ehebruch wird fuer beide Teile mit dem Tode bestraft. Stirbt der Mann, so muss der Schwager die Frau mit uebernehmen und fuer sie sorgen.
Als grausame Koerperstrafen werden aufgefuehrt: Durchbohren der Ohren; Abschneiden der Unterlippe , der Ohren oder der Finger ; die Zerstoerung des Gesichts durch Uebergiessen mit heissem Asphalt; die Kastration.

Diese wenigen Beispiele moegen genuegen, um die unerbittliche Haerte des Staates gegenueber den Buergern zu zeigen. In allem wird die eiserne Disziplin des Militaerstaates sichtbar. Angesichts dieser Verhaeltnisse wird es klar, warum der guetige Marduk von Babylon und die dort geuebte Rechtsprechung in Assur so viele Anhaenger hatte. Es wundert auch nicht, dass die Menschen in staendiger Furcht lebten. Die schrecklichen Erlebnisse der Behandlung von Verurteilten und Besiegten, mit denen fast jeder frueher oder spaeter konfrontiert wurde, belasteten die Menschen und liessen sie ueberall boese Geister und Daemonen vermuten. So nehmen Zauberwesen und Hexerei, schwarze Magie und Daemonenglaube einen ungeheuren Aufschwung. Kuenstlerischen Ausdruck findet diese Zeit in der schreckenerregenden Fabelwelt und den magischen Texten der Assurbarnipal - Bibliothek und in einigen Bildwerken der spaeteren neuassyrischen Zeit.

So schafft hier im Namen des Kriegsgotts Aschschur ausgeuebter Staatsterror und daraus entstehend Lebensangst eine neue Komponente der "Kultur", welche die Menschheit von nun an nicht mehr loslaesst und bis in unsere Zeit fortwirkt .
Himmel, Erde und Unterwelt werden mit boesen Geistern belebt, die nachts aus Erdklueften, Ruinen, Graebern oder aus der Wueste kommen und ueberall ihr Unwesen treiben. Sie heissen Gespenst, Drache, Laurer, Packer oder Todesschicksal. Sie fressen die kleinen Kinder und quaelen Mensch und Tier. Die Furcht vor ihnen und vor den "Magiern", die allein ihnen gebieten konnten, legte sich von nun an wie ein Albtraum ueber viele Menschen.

Als Gegengewicht gegen die "schwarze Magie" entsteht auch die "weisse Magie" die durch Zaubersprueche und absonderliche Zaubermittel die boesen Geister, die sich oft in Krankheiten aeusserten , vertreiben sollten. Den gleichen Zweck verfolgen nun entstehende "Daemonenaustreibungen" und Exorzismen.
Offenbar fanden die Seelen der zu Tode gequaelten Menschen keine Ruhe und suchten ihre Peiniger und Moerder immer wieder heim.

So entsteht hier im Reich Assur eine Gegenkomponente zu der zwar langsam , aber doch merklich fortschreitenden Kultivierung des Menschen. Eine Komponente, die in den Menschen die Kraefte im organisierten Staat wieder freisetzen, die seit ihrer Begegnung mit den Goettern immer mehr zurueckgedraengt worden waren :

Die tierischen Kraefte des Urmenschen mit seiner Mordlust, seiner Blutgier, seinem unsozialen Hass auf den Konkurrenten, seiner Lust an Grausamkeiten und andererseits , mit seinen daraus resultierenden Aengsten, dass er selbst das Opfer dieser Gelueste bei seinen Feinden oder der Spielball boeser Kraefte werden koennte:
Auch die unkultivierte Barbarei erhaelt ihren Kult , das Reich des Boesen wird neben dem Reich des Guten aufgerichtet.

Wie die Flucht in eine bessere Welt erscheinen demgegenueber die bemerkenswerten Schoepfungen der Kunst in dieser Zeit. Fuer Anu und Adad wird ein neuer prachtvoller Tempel erbaut. Die Koenigspalaeste werden mit farbenfrohen Schmelzziegelgemaelden ausgestattet; und die Rollsiegelbilder geben in feiner und naturnaher Darstellung die Traeume von einer besseren Welt wieder, die sich in wundervollen, liebevoll ausgearbeiteten Bildern von Tieren, Jagdszenen oder der Szene eines friedlich pfluegenden Bauern manifestiert.

Das neuassyrische Reich

Das Grossreich Tiglatpilesers I zerfiel schnell, als seine Nachfolger nicht die gleiche Energie und Haerte wie er zu seiner Erhaltung aufbrachten. Assurbelkala (1076 - 1058) muss schwere Kaempfe mit den immer wieder neu eindringenden "Aramaeern" d. h. mit den im Laufe ihrer Wanderung immer wieder eindringenden und Siedlungsland suchenden atlantischen Voelkern, bestehen. Auch das durch atlantische "arische" Einwanderer gestaerkte Urartu macht ihm zu schaffen. Den im suedlichen Babylonien sich ansiedelnden "Chaldaeern", einem "aramaeischen" Volk aus dem Zentrum des ehemaligen atlantischen Reiches, gelingt es sogar in dieser Zeit, einen Koenig auf den Thron Babels zu bringen und seine Tochter an den Assyrerkoenig zu verheiraten.

Um 1000 v. Chr. gingen dann auch die assyrischen Siedlungen am mittleren Euphrat an die "Aramaeer" verloren. Erst unter Assurdan II setzt Ende des 10. Jahrhunderts eine wirtschaftliche, organisatorische und auch militaerische Erneuerung des Staatswesens ein. Doch sofort setzen auch wieder die grausamen Methoden ein, fuer die Assur bekannt ist. Der Koenig des noerdlich gelegenen Katmuchi wird wegen Empoerung gegen Assur gefangengenommen und lebendig geschunden. Der Sohn Assurdans richtet dann die Macht des assyrischen Staates wieder auf. Er kaempft erfolgreich in Ostkleinasien und in Armenien und gewinnt das voellig aramaeisierte Chanigalbat in sieben Feldzuegen zurueck . Zur Niederzwingung dessen Hauptstadt Nisibis, wird diese vollstaendig von einem drei Meter breiten Graben und einer Mauer mit sieben Bollwerken umgeben. Mit Babylon wird die schon oefter geuebte Verschwaegerung ueber Verheiratung der Koenigstoechter mit den Koenigen wieder praktiziert.

Unter Assurnasirpal II ( 884 - 859 v. Chr.) kehrt Assur dann wieder zu alter Macht und Groesse aber auch zu den Hoehepunkten der ausgesuchtesten Grausamkeiten zurueck. Jahr fuer Jahr zieht er zu Felde und bringt das Reich wieder auf den Stand Tiglatpilesers I. Aber seinen Zug durch das Land begleiten alle nur denkbaren Greueltaten. Seine Henker pfaehlen und schinden, spannen die abgezogenen Menschenhaeute auf Geruesten vor den Toren der bekaempften Stadt aus und schneiden ihren lebenden Opfern vor den Augen der Verteidiger der Stadt die Gliedmassen einzeln ab. Die Herrschaft des Schreckens erreicht ihren Hoehepunkt und erstickt jeden Widerstand.

Die alte Praxis der Deportation wird wieder aufgenommen und die Bevoelkerung so erneut durcheinandergemischt. Auch die Verwaltung des Staates wird neu aufgebaut und ein faehiger Beamtenstand ausgebildet. Die Festung Kalach wird zur neuen Residenz ausgebaut und mit einem Heer von deportierten Handwerkern, Beamten und Soldaten neu besiedelt. Auf Befehl des grossen Koenigs entsteht ein riesiger, von den besten Handwerkern und Kuenstlern des Landes ausgeschmueckter Palast. Kalach soll nach seinem Willen ein neues Zentrum der Kultur werden, und dass er dabei auch die besonderen Kenntnisse der "chaldaeischen" Neubuerger seines Landes zu schaetzen weiss, zeigt die Einrichtung einer Sternwarte und die Foerderung der astrologischen Forschung.

Nach seinem Tode wurde er von seinem Sohn Salmanassar III (859 - 824 ) in der lange vorbereiteten Gruft des Alten Palastes in Assur beigesetzt. Hier fanden dann die Ausgraeber den voellig zertruemmerten und ausgeraubten Basaltsarkophag des Koenigs, dem keine lange Ruhe vergoennt war, wieder. Der neue Koenig setzte die Kaempfe fort und festigt die Oberhoheit ueber Syrien und Palaestina. Nur die aramaeische Hauptstadt Damaskus kann trotz aller Anstrengungen nicht erobert werden. Gegen Ende seiner Regierung stehen 27 Staedte gegen ihn auf und es gelingt ihm nicht mehr, ihrer Herr zu werden. Sein Sohn Schamschiaschad V muss sich noch mit seinem Bruder ueber die Erbfolge streiten und kann sich so der Unruheherde ,die ueberall aufbrechen, nur mit Hilfe Babylons erwehren. Schliesslich gelingt es ihm aber doch noch, die neuen Aramaeerstaaten am Persischen Golf zu unterwerfen und Babylons Macht hier zurueckzudraengen.

Als er in relativ jungen Jahren stirbt, uebernimmt seine, aus Babylon stammende Mutter Schammuramat, die wahrscheinlich atlantischer Abstammung ist und als Semiramis in der Geschichte bekannt wird , die Regierung, die sie innen sowie aussenpolitisch erfolgreich fuehrt. In ihrer Zeit wird das obermesopotamische Guzana, ein aramaeisches Macht - und Kulturzentrum, dessen Name an den in Spanien haeufigen Namen "Guzman" erinnert, dem Reich einverleibt. Als er volljaehrig geworden ist , uebernimmt dann der Sohn Adadnirari III ( 810 - 782 ) die Regierung und fuehrt seine Truppen gegen Elamiter, Meder und die Bewohner Palaestinas. Amurru, Tyrus, Sidon, Edom, Israel, Philistaea und Damaskus zahlen Tribut. Auch Babylon ist wieder voellig untergeordnet.

Es entstehen aber neue Probleme aus der Ausdehnung des Reiches und aus den Faehigkeiten von Heerfuehrern und Statthaltern. Da der Koenig nicht gleichzeitig ueberall sein kann, entwickeln diese oft hervorragenden Leute , die im atlantischen Reich teilweise selbstaendige Heerfuehrer und Fuersten waren, eine dem Zusammenhalt des Reiches nicht dienliche Eigenstaendigkeit. Eine bedeutende Rolle spielt dabei der General Schamschiilu, der Gouverneur von Til Barsib , einer Stadt am Euphrat suedlich von Karkemich. Nach dem Tod des Koenigs wird er als Tiglatpileser III (745 - 725) durch eine Militaerrevolte an die Macht gebracht. Es ist nicht bekannt, ob er aus der Koenigsfamilie stammt, er muss sich wohl durch Tuechtigkeit und geschicktes Verhalten als befaehigt profiliert haben.

 
Seine Faehigkeiten stellt er nach der Erringung der Koenigswuerde dann auch bald unter Beweis. Er vermindert die Macht der Statthalter durch eine Neuordnung der Aufteilung der Provinzen, ordnet die Steuerpolitik neu, indem er die Privilegien einiger Staedte wie Assur oder Charran aufhebt, staerkt das Heer durch Ausruestung mit staerkeren Streitwagen und Belagerungsmaschinen und foerdert den Bauernstand. Diese Neubeachtung eines Standes, der unter den traditionellen Fuehrern Assurs immer nur zu leiden hatte, zeigt, dass er zumindest das Gedankengut des atlantischen Reiches, dessen wichtigste Saeule immer der Bauernstand war, uebernommen hat. Auch andere Massnahmen , zum Beispiel die massvolle Politik gegenueber unterworfenen Voelkern, zeigen dies. Es deutet darauf hin , dass er selbst aus atlantischen Wurzeln stammte, denn die Heere im vorderen Orient bestanden in dieser Zeit zum grossen Teil aus Soldaten atlantischen Ursprungs.

Tiglatpileser III kaempft in Medien, Zilizien, Syrien und Palaestina und besiegt schliesslich den grossen Rivalen im Norden Sardur II von Urartu. Im Jahr 740 v. Chr. haelt er im eroberten Arpad zwischen Aleppo und Karkemich eine grosse Vasallenschau ab ( auch hier atlantischen Traditionen folgend ) bei der sich alle syrischen, mesopotamischen und palaestinensischen Fuersten, die er bei rechtzeitiger Unterwerfung auf ihrem Thron belassen hatte, zur Huldigung und Ablieferung der Tribute einfinden.

Noch staerker als seine Vorgaenger greift er zum Mittel der Umsiedlung, um sein Reich einheitlich und "einer Sprache" zu machen. So werden zum Beispiel 30000 Kleinasiaten aus Zilizien nach Armenien umgesiedelt und Urartaeer , die zu dieser Zeit schon zum grossen Teil aus eingewanderten Atlantern bestehen, gehen dafuer an den Golf von Issos. So wird es denn auch moeglich, dass die Vorfahren des Apostels Paulus, der selbst aus Tarsus - man beachte die Wiederaufnahme des Namens "Tharsis" durch die atlantischen Neubuerger- am Golf von Issos stammt, Atlanter waren. Insgesamt rechnet man mit Hunderttausenden von Verpflanzten und es wird verstaendlich , wie schwer es fuer die Voelkerkundler war und ist , die Spuren der atlantischen Einwanderung wieder aufzufinden.

Die angestrebte einheitliche Sprache ist jetzt das Aramaeische, und es wird auch von dem groessten Teil der Bevoelkerung des assyrischen Reiches dieser Zeit gesprochen oder zumindestens verstanden. Ein sicherlich erwuenschter Nebeneffekt dieser Umsiedlungsaktionen war, dass die Bevoelkerung ihre voelkische und sprachliche Identitaet verlor , und sich nur noch als Angehoerige des assyrischen Reiches fuehlen sollte. Da es aber dem assyrischen Reich nicht gelungen war, seinen Ruf so zu verbessern, dass die Menschen sich gern mit ihm identifizierten , ueberwogen die negativen Effekte der Umsiedlungsaktionen. Die Menschen hassten das Reich, das sie wurzellos und ungluecklich gemacht hatte, und strebten danach, sich seinem Einfluss zu entziehen.

So kam es auch in Babylon wieder zu schweren Unruhen der Aramaeer und der schwache Koenig Nabusir "wurde ihrer nicht Herr" .Tiglatpileser musste den Aufstand niederwerfen und setzte sich anschliessend selbst unter dem Namen Pulu auf den Thron. Seine Residenz war wieder Kalach, wo der Palast Salmanassars III weiter fuer ihn ausgebaut wurde. Diese Politik setzte sein Sohn Salmanassar V fort und liess sich unter eigenem Namen in Babylon kroenen. Die lange Abwesenheit von Assur liess aber hier eine Gegenpartei erstarken, in der sich Anhaenger der von Tiglatpileser gestuerzten Dynastie und Priester und Staedte, die sich durch seine neue Steuerpolitik geschaedigt sahen, zusammenfanden. So fiel er dann bei der Belagerung der israelischen Stadt Samaria einem Mordanschlag zum Opfer , der als Strafe des Gottes Aschschur hingestellt wurde.

Der Fuehrer der Gegenpartei nannte sich nach dem grossen Herrscher von Akkad wieder Sargon.

Er regiert von 722 - 705 und beeilt sich, seine Anhaengerschaft durch Wiedereinsetzung in alte Rechte und Privilegien zufriedenzustellen. Dann wendet er sich nach Westen um den Feldzug Salmanassars fortzusetzen, er erobert Karkemisch und Samaria, von wo 30000 Juden deportiert werden und schlaegt ein aegyptisches Heer bei Raphia in Suedpalaestina. Dann wendet er sich ueberraschend nach Urartu, das gerade mit den einstroemenden Kimmeriern zu kaempfen hat und deshalb eine relativ leichte Beute wird und kaempft anschliessend erfolgreich gegen die Meder. Darauf wendet er sich nach Babylon, dessen Koenig Merodachbaladan entflieht. Er uebt aber hier Zurueckhaltung und begnuegt sich mit dem Titel "Statthalter". Die babylonischen Gottheiten Marduk und Nebo werden Aschschur gleichwertig zur Seite gestellt.

Trotz dieser Erfolge wird er seines Lebens nicht recht froh, wozu wohl auch das gespannte Verhaeltnis zu seinem Sohn beitraegt. Im Gedenken an die Ermordung seines Vorgaengers faengt er an , um sein Leben zu fuerchten. Er errichtet noch in quellenreichem Huegelgelaende 20 Km oestlich von Ninive eine neue Residenz mit Namen Durscharrukin "Sargonsburg". Von einer maechtigen Doppelmauer umgeben umfasste sie eine Flaeche von 3 qkm. In ihrer Mitte liegen Koenigspalast und Tempel , alle mit Stierkolossen, Reliefs und farbenpraechtigen Gemaelden und Ornamenten geschmueckt. In assyrischer Tradition ist die sogenannte Gerichtshalle mit grausigen Bildern ausgestattet, auf denen der Koenig in vollem Ornat abtruennigen Vasallen als Vertreter des beleidigten Gottes Aschschur eigenhaendig die Augen aussticht oder sie lebendig schinden laesst.

Sein Sohn Sanherib (705 - 681 v. Chr.) verlegte die Residenz nach Assur zurueck und waehlte spaeter Ninive zu seiner Hauptstadt. Er ist einer der interessantesten Figuren unter den assyrischen Machthabern, hochbegabt aber masslos in fast allen seinen Aktionen. Er will Ninive zur ersten Stadt des Reiches machen und beschaeftigt dafuer Heere von Zwangsarbeitern. 25 m hoch wird eine Doppelmauer um die Stadt gefuehrt und ein 50 Km langer Kanal angelegt, der in einem 280m langen Aquaedukt ueber eine Talsenke gefuehrt wird. Es wird ein neuer Palast gebaut, der alles bisher dagewesene weit uebertreffen soll und ausserhalb der Stadt entsteht das "Neujahrsfesthaus"mit herrlichen Gaerten, deren Baeume in Gruben, die man in den Fels hineingehauen und mit Erde gefuellt hat, stehen.

Wie im Bauwesen, so greift er auch in der Kriegfuehrung zu voellig neuen Mitteln. Um Babylon und das mit ihm verbuendete Elam auch auf dem Meer schlagen zu koennen , laesst er griechische und phoenizische Matrosen anwerben, am Euphrat eine Flotte von Kriegs- und Transportschiffen bauen und liefert den Elamitern damit Seeschlachten. Das anschliessende Landungsmanoever endet allerdings in der Einschliessung der Truppen, die sich unter grossen Opfern nach Babylon durchschlagen muessen , um hier den laengst hierhin vorgedrungenen Feind zu stellen . Auch die mit grossem Aufwand im Jahr 701 begonnene Belagerung von Jerusalem fuehrt nicht zum Erfolg. Eine Pest bedroht das Heer und Sanherib muss sich mit einem Tribut Hiskias von Juda zufriedengeben.

Als Babylon nach Jahren verlustreicher Auseinandersetzungen schliesslich im Jahr 689 faellt, sind auch hier seine Aktionen masslos und entbehren jeder Vernunft. Die Stadt wird voellig ausgepluendert und verwuestet. Der wuetende Sieger laesst den Euphrat anzapfen und ganze Stadtteile unter Wasser setzen, die Tempel werden zerstoert und die Goetterstatuen nach Ninive gebracht. Eine eigens geschaffene Mythendichtung verkuendet , der Stadtgott Babylons Marduk habe sich versuendigt, und sei deshalb von den Goettern gefangengenommen und vor Gericht gestellt worden. Im Weltschoepfungsepos und in der Liturgie des Neujahrsfestes wird Marduks Name durch den Aschschurs ersetzt.

Der masslose Kampf selbst gegen die Goetter macht ihm auch in Assyrien viele Feinde und so wird er, als er einmal im Tempel zu seinem Gott "Nisroch" betet , von seinen Soehnen Adrammelech und Sarazer erschlagen. Sanherib selbst hatte seinen Sohn Asarhaddon zum Nachfolger bestellt und das wurde auch auf einem schnell einberufenen Reichstag bestaetigt. Trotzdem gab es Streit mit den benachteiligten Bruedern , den Asarhaddon aber schnell zu seinen Gunsten entschied. Er ordnet den Wiederaufbau Babylons an und fuehrt ihn in langjaehriger Arbeit auch durch . Der Marduktempel und sein Stufenturm werden erneuert, Stadtmauern und Strassen wieder hergestellt. Der Aufbauplan bezweckt eine Oeffnung der Stadt nach allen vier Himmelsrichtungen, damit die Babylonier ihr Trachten darauf richten, mit allen Weltgegenden zu verkehren.

Fuer die Verteidigung des Reiches verfuegt er ueber sehr tuechtige Generale, die im Norden im Krieg gegen die Kimmerier und die Meder erfolgreich sind . Doch nach dem Tod seiner Gattin startet Asarhaddon im Jahr 671 sein groesstes Unternehmen. Er zieht nach Aegypten. Umfangreiche Vorbereitungen sollen die Versorgung des Heeres auf dem 1300 Km langen Marsch sichern. Das trotz geschlossener Vertraege abtruennige Tyrus wird durch einen Belagerungsring an Aktionen gehindert. Der grosse General Schanubuschu fuehrt das riesige Heer, das durch Kontingente der Vasallen und Soeldnertruppen verstaerkt ist , unaufhaltsam suedwaerts. Der "nubische" Pharao Taharka, verliert drei Schlachten und muss fliehen. Memphis, die Hauptstadt Unteraegyptens faellt, und der ganze Hofstaat wandert mit allen Schaetzen des Palastes nach Ninive. Die Verwaltung der eroberten Gebiete wird einheimischen Fuersten uebertragen, die von assyrischen Statthaltern kontrolliert werden. Siegesstelen in Syrien und Obermesopotamien berichten vom grossen Sieg des Koenigs.

Diese aufwendigen Unternehmungen finden jedoch Im Stammland wenig Freunde. Es kuendet sich eine neue Verschwoerung gegen den Koenig an, die aber wohl aufgedeckt wird.. Jedenfalls liess Asarhaddon viele Adlige hinrichten , was ihm verstaendlicherweise neue Feinde schuf. So entschliesst er sich dann, obwohl krank, einen erneut gegen Aegypten notwendigen Feldzug selbst anzufuehren. Doch er gelangt nicht mehr in das eroberte Reich der Pharaonen. Er stirbt in Charran im Oktober 669. Sein Nachfolger Assurbanipal kann den aegyptischen Feldzug erfolgreich zu Ende fuehren und bringt eine Reihe von Pharaonenstatuen nach Ninive.

Das Leben in Assyrien hatte sich inzwischen unter dem Einfluss der Nachbarstaaten und durch Einheirat einflussreicher Koeniginnen wie Schammuramat und Naqia aus Babylon und Palaestina etwas entschaerft. Die despotischen Assyrerkoenige verlangen oft geradezu die freimuetige Meinung ihrer Berater. Die Vermischung der Bevoelkerung durch Umsiedlungen und Deportationen verbreitet auch sanftere Sitten und Gebraeuche. Die Gesetze, die jetzt angewendet werden, sind aber nicht bekannt. Moeglicherweise gelten noch die alten und nur ihre Anwendung wird menschlicher gehandhabt.

Die Gelehrten aller Fachrichtungen schaffen vor allem in ihrer aramaeisch und chaldaeisch und damit auch atlantisch bestimmten Hochburg Babylon grosse Werke mit philologischem, historischem, mantischem und magischem Inhalt. So wird jetzt hier die assyrische Koenigsliste abgeschlossen und es gibt umfangreiche medizinische Rezeptsammlungen. In der Mathematik gibt es umfangreiche Multiplikationstabellen und Tafeln der Quadrat - und Kubikwurzeln. Die Kunst macht sich von der religioesen Motivierung weitgehend frei und bevorzugt Tier - und Genredarstellungen, wie sie im atlantischen Bereich schon lange ueblich waren.

In der Religion und bei den Goettern bleibt es trotz der aramaeischen Zuwanderung im wesentlichen bei den bekannten Gestalten, wenn auch ihre Bedeutung von Zeit zu Zeit wechselt. So gewinnt der Marduksohn Nebo, als Gott der Schreibkunst, Weisheit und Fruchtbarkeit , unter Adadnirari III grosse Bedeutung und wird unter Sargon gleichberechtigt neben Aschschur und Marduk genannt. Als Modegottheit neu erscheint auch die als Marduks Gemahlin bezeichnete Scherua und die Heilgoettin Gula. Beide sind wahrscheinlich auf urspruenglich atlantische Gottheiten zurueckzufuehren.Im uebrigen werden Namen und Kraefte der bekannten Goetter gern den jeweiligen Modegoettern zugeschrieben , was zu einer allgemeinen Gleichmacherei fuehrt.

Importiert durch Aramaeer und Chaldaeer, auf altem atlantischen Wissen basierend, spielt jetzt auch die Mantik, das Vorzeichen und Orakelwesen, eine grosse Rolle. Die omenartige Bedeutung von irdischen Erscheinungen wird in dem riesigen, urspruenglich wohl 100 Tafeln umfassenden Keilschriftwerk "Wenn eine Stadt auf der Hoehe liegt" (was sich wahrscheinlich auf die inzwischen sagenhaft gewordene Stadt Atlantis bezieht) gesammelt. So ist auch von Asarhaddon bekannt, dass er jeder Art von Vorzeichendeutung eine erhebliche Bedeutung beimass, und dass jede Art von groesserer Unternehmung erst durch die Orakelpriester abgesegnet werden musste. Er war in dieser Hinsicht schon ein atlantischer Koenig alter Schule, was sich im uebrigen auch in dem Wunsch, jetzt endlich einmal Aegypten zu erobern, ausdrueckte.

Wie in Atlantis erfuellte sich nun auch in Assur das Schicksal. Nach Assurbanipals Tod geht es schnell dem Ende zu. Seine beiden schwachen Nachfolger verlieren den Westen des Landes an erneut von Norden hereinstroemende Voelker. Babylon geht verloren, als der aramaeisch - chaldaeische also atlantische Nabopolassar sich selbstaendig macht. Dieser verbuendet sich mit dem ebenfalls aus atlantischer Wurzel stammenden Meder Kyaxares und macht dem assyrischen Reich mit der Eroberung von Assur im Jahr 614 und von Ninive zwei Jahre spaeter ein Ende. Beide Staedte werden vollstaendig zerstoert und ausgeraubt. Ein Heereskontingent, das sich nach Charran gefluechtet hatte, wird dort im Jahr 608 vernichtet. Damit endet die lange und wechselvolle Geschichte des Reiches des Kriegsgottes Aschschur. Die Bevoelkerung wird, soweit sie nicht bereits das Land verlassen und sich auf den Weg zurueck in den Westen gemacht hat, von den Eroberern weitgehend getoetet oder versklavt und das Land verkommt und wird allmaehlich zur Wueste.

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