Die Goten (40a)

von Karl Juergen Hepke

 
So, wie die Kelten in den Anfaengen Roms voruebergehend zum Schrecken und zum Eroberer der Stadt wurden, so brachten die Goten, als letztes aus dem Osten zurueckkehrendes und Land fuer die Ansiedlung suchendes Volk, Rom als Reichsidee das Ende. Dazwischen lagen 800 Jahre Auseinandersetzung Roms mit den von Norden und von Osten immer wieder mit wechselndem Erfolg und Misserfolg in das Reichsgebiet hineindraengenden Volksgruppen.

Als das roemische Reich auf Grund seiner inneren Probleme trotz seiner 75 Legionen und 900 000 Mann unter Waffen nicht mehr allein die Grenzen des Reiches verteidigen konnte, sah es sich gezwungen, mit den gegen die Grenzen drueckenden Voelkern Vertraege abzuschliessen . Sie wurden damit zu "Bundesgenossen" die selbst verpflichtet waren die vereinbarten Grenzen einzuhalten und gegen Fremde zusammen mit den roemischen Streitkraeften zu verteidigen. Dies geschah auch mit den Goten, nachdem seit 238 n. Chr. wechselndes Kriegsglueck die Auseinandersetzungen mit den anfaenglich relativ unorganisierten, dann aber immer mehr zusammenwachsenden und schlagkraeftiger werdenden Kampftruppen der Goten gekennzeichnet hatte. Hierauf wird spaeter noch eingegangen.

Die "Gotenvertraege" von 380 und 382 n. Chr. schufen eine neue Situation. Zum ersten Mal wurden gegen die Grenzen von aussen draengende Volksgruppen durch Vertraege in das roemische Reich aufgenommen. Zwar erklaerte der roemische Kaiser Gratian, der 380 den ersten Vertrag abschloss wie einst Ramses III von Aegypten bei der Aufnahme von Teilen der "Seevoelker" in sein Reich, "Eine ganze Gens der Goten ergab sich mit ihrem Koenig (Fritigern) der Romania", aber die Bedingungen des Vertrages billigten den Goten bis dahin von keinem Volk erreichte Rechte innerhalb der Ordnung des roemischen Reiches zu:

1.) Die Goten wurden Reichsangehoerige, blieben aber Fremde, erhielten also kein "connubium" das heisst kein Recht , Roemer oder Roemerinnen zu heiraten und dadurch ihren Rechtsstatus zu veraendern.

2.) Ihnen wurde steuerfreies Siedlungsland zugeteilt ueber das sie aber kein Eigentum (dominium) nach roemischem Recht erwerben konnten.

3.) Die Goten blieben autonom, wurden also von eigenen Fuersten regiert.

4.)Sie waren zur Waffenhilfe unter roemischem Kommando verpflichtet. Ihre eigenen Fuehrer hatten dabei als Subalterne nach roemischem Oberbefehl zu handeln.

5.)Die Goten sollten mit den in ihrem Gebiet bereits lebenden roemischen Provinzialen "unter einem Dach" leben. Ihre Versorgung sollte das zugewiesene Land sichern, das die Goten selbst zu bebauen haetten.

6.)Die gotischen Verbuendeten, das heisst ihre Fuersten, erhielten Jahrgelder aus roemischen Kassen in unbekannter Hoehe. Dies war noetig, da sie selbst kein Recht auf Erhebung von Steuern von den roemischen Provinzialen erhielten und ihre Existenz als Adel ohne zusaetzliche Einnahmen gefaehrdet war.

Wer waren nun die "Goten", die diesen Erfolg errangen und was veranlasste die Roemer , einen derart risikobehafteten Vertrag mit einem ausserroemischen Volk abzuschliessen.

Der Name der Goten leitet sich ab von den "Gutonen", einem Volk, das von antiken Autoren zwischen 0 und 200 n. Chr. als zwischen Oder und Weichsel wohnend erwaehnt wird. Die Gutonen besassen ein starkes Koenigtum, so dass sie in der Lage waren, auch Volksteile anderer Abstammung in ihr Volk aufzunehmen. Dies ermoeglichte ihnen eine Ausbreitung nach Suedosten zum Schwarzen Meer, wobei sie die hier seit langem lebenden Skythen in ihr Volk aufnahmen, das dadurch immer maechtiger wurde und die hier ausserdem lebenden Markomannen verdraengte.

Eine Herkunft der Goten aus Skandinavien, wie sie teilweise noch in Werken der alten Geschichtsschreibung behauptet wird, ist weder nach antiken Quellen noch nach Ergebnissen der archaeologischen Forschung aufrechtzuerhalten.

Damit ergibt sich, dass es sich, wie bei den Kelten, auch bei den Goten um urspruenglich aus dem Westen in den Osten im Rahmen der atlantischen Wanderung ausgewanderten Staemmen handelt. Teile davon koennten dabei auch aus dem baltischen Raum und Skandinavien gekommen sein. So wuerden sich auch die skandinavisch anmutenden Begriffe, die aus der muendlichen Ueberlieferung stammen, im Gotischen erklaeren.

Wie die Basken und die Kelten besassen auch die Goten ein muendliches Gewohnheitsrecht, die "belagines". Ihrem Koenigtum, den "Amalern" sagten sie Abstammung von den "Ansen"(Asen) und damit von den Goettern nach und befanden sich damit in der atlantischen Tradition. Diese Vorstellung von der goettlichen Abstammung der Koenige war tief im Volk verankert und ermoeglichte es immer wieder, starke Figuren als Koenig anzuerkennen und ihm dann bedingungslos zu folgen.

Der 17 gliedrige Stammbaum der Amaler begann mit "Gaut", dem skandinavischen Kriegsgott, der auch auf dem Kontinent und in Britannien verehrt wurde. Gaut ist aelter als Odin, denn in skandinavischen Quellen wird erwaehnt, dass Odin sich "frueher" Gautr nannte. Nach Gaut folgt "Humli", der Spitzenahne der Daenen und Angeln ist. Amal folgt erst im 4. Glied und stammt aus der Zeit, als die Amaler sich noch nicht in Suedrussland befanden. Sein Sohn "Hisarna", "der Eiserne" spiegelt naemlich eine Beziehung zu den Kelten wieder. Dessen Sohn "Ostrogotha" wird dann Namensgeber der "Ostrogothen". Dies geschieht etwa um 290 n. Chr. Sein Sohn ist "Hunvil" der "unverwundbar gegen Magie ist". Dessen Sohn "Athala" ist der "Edle". Sein aeltester Sohn heisst "Ansila", kleiner Anse, und spiegelt im Namen die ansische (asische) Tradition der Koenigslinie wieder.

Er ist der aelteste Bruder des geschichtlichen Ostrogothenkoenigs Ermanarich, der um die Mitte des 4. Jhdts. viele Jahrzehnte ueber ein Reich herrscht, das den gesamten russischen Raum von der Ostsee bis zum Ural und zum Schwarzen Meer umfasst. Dies Reich bestand in der Nachfolge Ermanarichs bis 376 n. Chr. als es von den Hunnen erobert wurde.

An den Grenzen des Roemerreiches hatten die Goten zuerst an der Spitze eines Heerhaufens aus sarmatischen und germanischen Staemmen die roemischen Provinzen suedlich der Donau ueberfallen. Die Reichsregierung bezahlte ihnen daraufhin Jahrgelder und nahm Krieger in die roemische Armee auf. Eine altbewaehrte Praxis , unruhige Staemme an den Grenzen fuer einige Zeit zu befrieden. Als die Jahresgelder ausblieben und die Roemer wegen innerer Konflikte die Grenzen nicht schuetzen konnten, fielen die Staemme wieder in das Reich ein.

251 kam es zur Schlacht, in welcher der Gotenkoenig Kniva die roemischen Truppen einkesselte und vernichtend schlug. Kaiser Decius und sein Sohn fanden in der Schlacht den Tod. Bald darauf griffen die Goten auch uebers Meer die roemischen Provinzen an. 257 ueberfielen sie Kappadokien und verschleppten unter anderen die Vorfahren des spaeteren Gotenbischofs Wulfila in ihre Gebiete noerdlich der Donau.

268 drangen ihre Schiffe durch Bosporus und Dardanellen, waren aber den ueberlegenen grossen Schiffen der Roemer nicht gewachsen. Die Besatzungen fluechteten an Land und wurden in zwei "Schlachten" besiegt. Die Ueberlebenden wurden je nach Eignung in das roemische Heer aufgenommen oder den Grossgrundbesitzern als Sklaven uebergeben. Dies geschah unter Kaiser Claudius II (268-270). Sein Nachfolger Aurelian (270-275) griff die Goten noerdlich der Donau an und besiegte sie in einer Schlacht in der 5000 Goten und ihr Koenig fielen.

Es folgten 100 Jahre Ruhe, in denen sich die Goten in das von den Roemern aufgegebene Dacien (Siebenbuergen) ausdehnen konnten. In dieser Zeit bildeten sich die zwei Volksbereiche der Goten heraus, die in die Geschichte eingehen sollten.

Die westlichen Goten noerdlich der Donau hiessen" Tervingi " oder "Vesi", die oestlichen Goten noerdlich des Schwarzen Meers "Greutungi" oder "Ostrogothi". Die Terwingen sind die "Waldleute", die Greutungen die "Steppen- oder Strandbewohner". Der Name "Vesi" bedeutet die "Guten, Edlen" der Name "Ostrogothi", die"Glaenzenden oder Sonnenaufgangsgoten".

Das Namenspaar Tervingi - Greutungi ist also landschaftsbezogen und wurde vorwiegend von Fremden benutzt. Das Namenspaar Vesier - Ostrogothi sind prunkende Selbstbezeichnungen. Nach 400 v. Chr. kommen die Terwingen und Greutungen nur noch im Heldenlied vor, waehrend sich Vesier und Ostrogothen als Eigennahmen halten. Aus ihnen entwickelten sich in der nachfolgenden Geschichtsschreibung die Vesegothen-Visigoths- Westgoten und die Ostrogothen - Ostgoten als sie anfingen, im Bereich des roemischen Reichs zu wirken.

Die Terwingen hatten sich als noerdliche Nachbarn der Roemer immer wieder mit ihnen auseinanderzusetzen. Vor allem in Kaiser Konstantin hatten sie einen ernstzunehmenden Gegner, der sie durch erfolgreiche kriegerische Operationen an den Rand ihrer Existenz brachte. Den Kampf auf Gotenseite leitete ein Fuerst und "Richter" mit Namen Ariarich. Mit ihm schloss Konstantin 332 den ersten Buendnisvertrag zwischen Roemern und Goten, der vorsah, dass die Goten gegen jaehrliche Geldzahlungen Hilfstruppen stellten und ueber die Donau Handel mit den roemischen Provinzen treiben durften. Danach verfolgte Konstantin eine Politik der guten Nachbarschaft mit den Goten. Fuersten wurden belohnt und ausgezeichnet und Soehne von Fuersten kamen als "Geiseln" zur Ausbildung nach Konstantinopel.

Die Ordnung des Gotenstaates der Terwingen.

Die oberste Ebene des Staates bildete die Gothia, oder in der Gotensprache die "Gutthiuda". Sie umfasste das gesamte Herrschaftsgebiet. In ihm konnten auch andere Volksgruppen anerkannter und aufgenommener Abstammung leben. Sie gehoerten damit automatisch zu den Goten. Der politische Zusammenhalt wurde durch die Ratsversammlung der "reges" oder "reiks" einer nicht bekannten und wohl auch unterschiedlich grossen Zahl von Kleinstaemmen die "kunja" hiess, gegeben. Bestand Gefahr von innen oder aussen, so wurde durch den Rat ein Richter "judex" oder "kindins" bestimmt, der monarchische Gewalt auf festgesetzte Zeit ausuebte. Er durfte das Herrschaftsgebiet nicht verlassen. Fuer auswaertige kriegerische Unternehmungen musste deshalb ein besonderer monarchischer Heerfuehrer vom Richter oder vom Stammesrat bestimmt werden.

Haus und Burg, gards und baurgs, waren Zentren der aristokratischen Herrschaft. In ihnen herrschte der gotische Herr ueber Familienmitglieder, freie Gefolgsleute, abhaengige Klienten und bedingt freie und unfreie Bauern gotischer oder nichtgotischer Abstammung. Die Mitglieder des Hauses oder der Burg sind ihrem Herrn durch Eid verpflichtet.

Die wirtschaftliche Grundlage von Haus und Burg ist das in der Familie vererbte Land (haimothli). Wie in alter atlantischer Zeit bildete der baeuerliche bewirtschaftete Grundbesitz die Basis fuer Staat und Gesellschaft. Demgegenueber trat die Bedeutung der Sippe stark zurueck. Sie existierte aber als Rechtsgemeinschaft: Gesetzlosigkeit und Aussergesetzlichkeiten, Ausstossung, Adoption und Versoehnung von Sippenangehoerigen wurden vorwiegend in ihr geregelt. Die Blutrache wurde von und an Sippenangehoerigen aktiv und passiv ausgeuebt, doch griff hier das Gefolgschaftswesen bei Bedarf ordnend ein.

Neben den Formen der Herrschaft existierte das genossenschaftlich organisierte Dorf, "haims", von freien Bauern. Hier fuehlte sich der freie Gote "daheim", "anahaims". Die freien Dorfgenossen hatten keinen Anteil an den Entscheidungen im Rat. Ging die Dorfversammlung nicht einig mit deren Entscheidungen, so blieb ihr das Mittel ( wie auch bei den Basken) des passiven Widerstands. Ein grosser Herr hatte aber das Recht mit seinem bewaffneten Gefolge die genossenschaftliche Selbstverwaltung in diesem Falle aufzuheben.

Religion und Goetter

Die Religion entsprach der anderer germanischer und keltischer Voelker atlantischen Ursprungs. Es wurden Opfer gebracht. Die Opfergemeinschaft entsprach der Dorfgemeinschaft. Fuersten und Koenige waren Traeger der goettlichen Ueberlieferung. Besondere Verehrung gebuehrte den Vorfahren. Vor Kaempfen wurden sie in Schlachtgesaengen angerufen. Begraebnisse wurden unter moeglichst hohen Ehren fuer die Verstorbenen durchgefuehrt. Es gab besondere Heiligtuemer, die meistens in Naturobjekten wie Felsen, Quellen, Teichen und Fluessen bestanden. Eine Priesterschaft sorgte fuer die Pflege der Heiligtuemer und fuer ordnungsgemaesse Durchfuehrung der Opfer.

Als Volksgott stand an der Spitze der Verehrung Gaut, der vor allem vom amalischen Koenigsgeschlecht als Volksgruender betrachtet wurde. Der Hochgott der Donaugoten war der Kriegsgott Tius, der dem atlantischen Tyr entspricht. Er wurde oft in der Form eines Schwertes verehrt. Nach dem Volksnahmen der Donaugoten wurde er auch Terwing genannt und entsprach dem skythisch-thrakischen Ares-Mars. Ausserdem gab es einen Donaugott , der gotisch moeglicherweise "Fainguneis" genannt wurde, meist aber den roemischen Namen Jupiter trug. Die Donau wurde wie bei allen atlantischen Voelkern, die sie als Wanderweg benutzt hatten, als Gott verehrt. Dem Flussgott wurden Menschenopfer gebracht und auf seinen Namen wurden Eide geleistet.

Heer und Kriegswesen

Die gotischen Heere waren normalerweise klein und hatten einen Standard von ca. 3000 Mann. Sie bestanden aus spezialisierten Elitekriegern und waren keineswegs unorganisierte wilde Heerhaufen wie manchmal noch dargestellt wird. Aufgestellt wurden die Heere von der einzelnen Stammesgemeinschaft unter einem "reiks" oder auch von der gesamten Gutthiuda. Die terwingischen Stammesheere bestanden vornehmlich aus unberittenen Kriegern. Die Greutungen hingegen bevorzugten als Steppenbewohner den berittenen gepanzerten Lanzenreiter, der schnell grosse Entfernungen zuruecklegen konnte und Zweikaempfe zu Pferde austrug. Die Lebensart und die Kampferfahrung der iranisch-skythischen Steppenvoelker lebte in ihnen fort und machte sie zu einem von den Roemern gefuerchteten Gegner. Zur Zeit des grossen ostrogothischen russischen Reichs nahmen die Ostrogothen Finnen, Eruler, Sarmaten, Aesten, Slawen, Anten und moeglicherweise auch schon einige Hunnen in den Volksverband auf.

Wulfila, Gotensprache und Christentum

Wie bereits erwaehnt war der spaetere Bischof Wulfila (um 311-383) ein "Beutekelte" aus Kappadokien, also kein eigentlicher Gote. Dadurch erklaert sich nicht zuletzt seine Vorliebe fuer aus dem roemisch - keltischen Bereich stammenden Bezeichnungen fuer alle Begriffe aus dem politischen und militaerischen Bereich. Als Volk, das ueber 100 Jahre Seite an Seite mit den Roemern und den roemisch-keltischen Provinzialen lebte und mit ihnen Handel trieb, wobei grosse Teile des Volkes in roemischen Legionen Kriegsdienste leisteten, kannte auch das Gotenvolk diese Begriffe , obwohl es eigene, gotische dafuer hatte.

Anders als Luther, der den in seinem Lebensbereich gesprochenen mitteldeutschen Dialekt mit seinen speziellen Abarten durch seine Bibeluebersetzung zur deutschen Sprache erhob und sich dabei weit von den im uebrigen Deutschland gesprochenen, dem indoeuropaeischen viel naeher stehenden Bereichssprachen, z. B. dem Niederdeutschen , entfernte, schuf Wulfila im "Gotischen" seiner Bibeluebersetzung eine Sprache, die gotische Spezialitaeten zu Gunsten indoeuropaeischer Gemeinsamkeiten unterdrueckte. Dies ermoeglichte nicht zuletzt den Goten, sich spaeter im roemisch-keltischen Kulturraum zurechtzufinden und schliesslich sogar dort heimisch zu werden.

Bei der Uebersetzungsarbeit kam Wulfila zu Gute, dass er wahrscheinlich schon bei seiner Geburt getauft und anschliessend dreisprachig erzogen wurde. Er war damit von Anfang an in den fuer die Bibeluebersetzung wichtigen Sprachen lateinisch, griechisch und gotisch zu Hause und kannte sich sicher auch im keltischen ,der Volkssprache der Heimat seiner Eltern, gut aus. Ausserdem erhielt er offenbar eine rhetorische Erziehung, wie aus den von ihm verfassten theologischen Traktaten und exegetischen Schriften in griechischer und lateinischer Sprache zu ersehen ist. Es handelte sich also um einen, selbst fuer die damalige Zeit, hochgebildeten Mann, der es durchaus mit anderen seiner Art aufnehmen konnte.

Offenbar war er nicht der erste christliche Missionar im Gotenreich, denn bereits auf dem ersten oekumenischen Konzil von Nicaea 325 v. Chr. war ein Bischof der Krim und ein Theophilus der Gothia erschienen.

Wulfila lernte die christliche Botschaft in der Form kennen, die im Siedlungsbereich der Nachfolger der hierher eingewanderten atlantischen Voelker, die man mit einem von Indien her bekannten Begriff auch als "Arier" bezeichnen koennte, ueblich war. Sie entsprach im Wesentlichen den Vorstellungen der atlantischen Tradition .

Danach war Christus der Sohn Gottes, von ihm auf die Erde gesandt , um den Menschen die frohe Botschaft zu bringen. Fuer atlantische Glaubensvorstellungen kein Problem, denn auch ihre alten Goetter waren Abgesandte des hoechsten Schoepfergottes um auf Erden die Dinge in seinem Sinne in Gang zu bringen und dann zu lenken.

Moeglicherweise nach den "Ariern" bezeichnete man diese Glaubensrichtung als "arianisch". Es soll aber auch einen "Ketzer" Arius gegeben haben, der diese Richtung vertrat, und als Namensgeber in Frage kommt. Sein Gegner war Athanasius, der Namensgeber fuer die Gegenrichtung .

Zu dieser Gegenrichtung bekannte sich im wesentlichen die Westkirche, repraesentiert durch Rom und andere im Westen gelegene Bistuemer, denen die roemische Vielgoetterei vertraut war und eine entsprechende Regelung im Christentum kein Problem darstellte. Nach ihr war Christus zwar der Sohn Gottes, aber ihm im Range voellig gleich und nicht untergeordnet. Das gleiche nahm man spaeter dann vom heiligen Geist an. Alle drei zusammen bildeten die Dreieinigkeit, die Trinitaet. Auch fuer diese Auffassung gab es theologische Vorbilder in den Religionen der Kelten und Etrusker, auf die das Westchristentum aufbaute.

Leider entbrannte, eben weil beide Seiten gute Argumente fuer sich hatten, ein sich bis heute hinziehender Streit zwischen beiden Auffassungen. Dieser Streit wurde zeitweise von der Katholischen, westlichen Seite mit grosser Erbitterung gefuehrt und kostete hunderttausenden von arianischen "Ketzern" im "finsteren Mittelalter" das Leben.

Heute lebt der Streit fort in dem griechisch - russischem Bekenntnis der Ostkirche auf der arianischen Seite und dem roemisch - katholischen Bekenntnis der Westkirche auf der Seite des Athanasius. Er stellt das sogenannte "Schisma"dar, das nach wie vor beide Kirchen trennt.

Das Christentum verbreitete sich auch bei den Goten von unten nach oben. Als im Jahr 348 eine nicht naeher bekannte Auseinandersetzung der Goten mit den Roemern stattfand, wurden die Christen, die sich moeglicherweise nicht zum Kriegsdienst eingefunden hatten, aus dem Lande gewiesen. Zu ihnen gehoerte auch Wulfila. Der arianische Kaiser Konstantius II (337-361) nahm die Vertriebenen auf und wies ihnen Siedlungsland im Norden des heutigen Bulgarien zu. Wulfila war Bischof und Stammesfuehrer der Gruppe , wie einst Moses, und verfasste in dieser Zeit die gotische Bibeluebersetzung fuer sein Volk.

Dieser ersten Christenverfolgung folgte, nach einem erneuten Krieg gegen die Roemer, der 369 mit einem Frieden zwischen dem Kaiser Valens und dem gotischen Heerfuehrer Athanarich beendet wurde, eine weitere . Die Christen wurden als "Freunde der Roemer und Veraechter der gotischen Ueberlieferung" jahrelang verfolgt.

Dies spaltete die Goten. Der "reiks" Fritingern verbuendete sich mit Kaiser Valens und machte sich zum Schutzherrn der arianischen Christen. Fritingers Bestrebungen, die Goten auf seine Seite zu ziehen und zu Christen zu machen, wurden durch die Arbeit Wulfilas unterstuetzt und gerieten zunehmend zu einem Erfolg. Der Missionserfolg fand spaeter seine Kroenung in den anfangs aufgefuehrten "Gotenvertraegen"von 380 und 382 in denen die christliche Gens des Fritingern in den Reichsbereich Roms zu den beschriebenen Bedingungen aufgenommen wurde.

Die politische Situation im bisherigen Siedlungsgebiet der Goten hatte sich inzwischen dramatisch veraendert. Hunnische Scharen hatten 375 den Don, den oestlichen Grenzfluss der Ostrogothen gegen die indogermanischen Alanen, ueberschritten und den Krieg ins Gotenreich getragen. Nach mehreren Niederlagen der Ostrogothen gegen die Hunnen beging der Gotenkoenig Ermanarich Sebstmord. Als auch der aus der Koenigssippe gewaehlte Nachfolger nach etwa einem Jahr fiel , ergab sich der groesste Teil der Ostrogothen der hunnischen Oberherrschaft und wurde damit zu einem Teil der Hunnen. Denn wie die Goten nahmen auch die Hunnen jeden in ihr Volk auf , der sich ihnen unterwarf.

Eine starke Reitergruppe der Ostrogothen, die diesen Weg nicht gehen wollte, verbuendete sich mit gleichgesinnten Alanen und abgefallenen Hunnen und setzten sich nach Westen ab. Sie wurden gefuehrt von einem nicht koeniglichem Goten und einem Alanen, hatten aber den kleinen Sohn des letzten Koenigs der Ostrogothen bei sich.

Inzwischen griffen die Hunnen die Terwingen an. Athanarich versuchte sie am Dnjestr aufzuhalten, wurde aber umgangen und musste sich schliesslich in die Waldgebiete zurueckziehen. Die Hunnen pluenderten daraufhin die Siedlungen der Terwingen und beraubten sie ihrer Ernaehrungsbasis. Ein grosser Teil von ihnen verliess darauf den gluecklosen Athanarich und wandte sich Fritingern und seinen Christen zu. Im Jahr 376 erhielt die kaiserfreundliche christliche Fritingerngruppe dann die Erlaubnis, die Donau zu ueberschreiten und sich in Thrakien anzusiedeln. Diese Erlaubnis nutzten fast alle Goten links der Donau aus, um den gefaehrlichen Hunnen zu entkommen.

Die roemische Provinzarmee war nicht in der Lage, mit der unerwartet grossen Menge von vielen zehntausenden von Goten organisatorisch fertig zu werden. Versuche, sich an den erstaunlichen Schaetzen der "Fluechtlinge" zu bereichern, brachten diese in Wut. Die Roemer verloren zuerst den Ueberblick, dann auch das Gesetz des Handelns und schliesslich herrschten Mord und Totschlag. Die erbosten Goten rannten die viel zu schwache Regionalarmee ueber den Haufen. Roemische Sklaven und die gotischen Soeldner in der Regionalarmee gingen zu Fritingers Goten ueber. Auch die berittene Ostrogothische Dreivoelkergruppe ueberschritt die Donau und schloss sich Fritingers Goten an.

Um das Gesetz des Handelns wiederzugewinnen, mussten die Roemer erneut in den Gotenkrieg ziehen. Da Kaiser Valens ueber die inzwischen angewachsene Zahl der Goten nicht informiert war, meinte er, lediglich ca. 10000 Mann vor sich zu haben, die leicht zu besiegen und zu befrieden seien. Ihr Fuehrer Fritingern galt dazu noch als Freund der Roemer. Warnungen des Mitkaisers Gratian wurden deshalb nicht ernstgenommen. Valens verliess am 9. August 378 Adrianopel um die Goten zu treffen.

Da Fritingern den Kampf vermeiden wollte, bot er den anrueckenden Roemern Verhandlungen an. Doch ehe diese beginnen konnten, gingen zwei roemische Einheiten bereits zum Angriff ueber. Die Goten , die sich in einer Wagenburg verschanzt hatten, wehrten den ersten Sturmangriff ab. Die Schlachtordnung der Roemer war durch den vorschnellen Angriff in Unordnung geraten und musste neu formiert werden. In diesem Augenblick der relativen Unordnung kam die Ostrogothische Reitergruppe mit Alanen und Hunnen von der Suche nach Verpflegung zurueck und griff die Roemer sofort von hinten an. Gleichzeitig gingen die Goten Fritingers zum Sturmangriff ueber.

Die Roemer, in der Unordnung der Neuformierung, sahen sich ploetzlich von vorn und von hinten angegriffen und konnten kaum Freund von Feind unterscheiden. Viele wurden von den eigenen Leuten getoetet. Nur der linke Fluegel der Roemer hatte die Schlachtordnung eingehalten und rueckte zum Sturm auf die gotische Wagenburg vor. Als aber auch hier die Reiter der Goten, Alanen und Hunnen im Ruecken auftauchten ,ergriff die roemische Kavallerie und die taktische Armeereserve die Flucht. Die Schlachtreihe stand allein und wurde von vorn und von hinten niedergemacht. Das Roemerheer ging zugrunde und mit ihm Kaiser Valens und die meisten seiner Offiziere. Die Legionen der oestlichen Palastarmee waren verloren. Die Goten hatten am 9. August 378 die erste grosse Schlacht gegen die Roemer gewonnen.

Die Roemer waren gezwungen, die Goten als Macht anzuerkennen. Die Folge waren die anfangs erwaehnten Gotenvertraege von 380 und 382. Die Goten waren damit ein Teil des roemischen Reiches geworden. Ihre roemische Geschichte konnte beginnen.

Vier Jahre spaeter vertrieb Fritingern endgueltig Athanarich, worauf Kaiser Theodosius I das Haupt der "skythischen Koenigssippe" mit grossen Ehren in Konstantinopel empfing. Doch schon zwei Wochen spaeter starb der Gotenfuerst. Auch Wulfila starb zwei Jahre spaeter in Konstantinopel. Beide wurden mit grossen Ehren zu Grabe getragen, was ein gutes Klima des Kaiserhauses zu den Goten, die jetzt Reichsangehoerige waren , schaffen sollte.

Rom und die Goten

 


Am 5. und 6. September 394 fand die Schlacht zwischen dem westroemischen Usurpator Eugenius mit den Elitetruppen des Westreichs und dem ostroemischen Kaiser Theodosius, dem Nachfolger von Valens statt. Auf der Seite Ostroms kaempften die Goten, deren Fuehrer Alarich war. Entsprechend den Gotenvertraegen war er dem roemischen Heermeister Gainas unterstellt. Dieser war Donaugote wie Alarich, hatte aber den Stammesverband verlassen und war Roemer geworden. Er wurde von den Goten deshalb als rangniedriger als Alarich angesehen.

Die Goten waren deshalb unzufrieden, zumal sie das Gefuehl hatten, von Gainas an Stellen eingesetzt worden zu sein, die besonders hohe Verluste gefordert hatten. Die Unzufriedenheit stieg, als bekannt wurde, dass hunnische Reiter ihre Siedlungsgebiete in Thrakien ueberfallen, viele Zurueckgebliebene getoetet und Frauen und Kinder verschleppt haetten, waehrend sie auf italienischem Boden fuer die Sache Ostroms kaempften.

Als am 17. Januar 395 Kaiser Theodosius starb und damit die mit ihm geschlossenen Vertraege von 382 und ihre Erneuerung von 392 hinfaellig wurden, verliessen die Goten sofort das Heer, holten ihre Leute in Moesien, dem heutigen Nordbulgarien ab und erschienen in der ersten Jahreshaelfte 395 vor Konstantinopel.

Es folgte 15 Jahre staendigen Hin- und Hers. Es gab Kriegszuege, Fast-Katastrophen, Vertraege, die wieder gebrochen wurden, Zuweisung von Land und Verleihung von hoechsten Militaerehren an den Koenig der Goten Alarich und ihre Anullierung. Das ganze spiegelt die desolaten Verhaeltnisse im untergehenden roemischen Reich wieder, in dem Kaiser nur wenige Jahre "regierten" ,wenn sie dazu kamen und Gegenkaiser von den roemischen Armeen, die sich fuehrerlos fuehlten, ausgerufen wurden.

Es zeigte sich, dass ein "auswaertiges Volk" nur dann im Reichsverband nuetzlich eingesetzt werden konnte, wenn es feste Siedlungsgebiete erhielt, in denen es auch an den Steuerleistungen der roemischen Provinzialen beteiligt war und wenn ihre Fuehrer hohe Possitionen in der roemischen Verwaltung erhielten. Die Nichtroemer mussten anerkannt und integriert werden, ohne dass sie ihre politischen, rechtlichen und sozialen Eigentuemlichkeiten aufgeben mussten. Um dies aber moeglich zu machen, musste der Staat in sich selbst fest und vertragsfaehig sein. Und dies nicht nur fuer kurze Zeit.

Alarichs Gegenspieler war Stilicho, Sohn eines Vandalen und einer Roemerin, im theodosianischen Umfeld aufgewachsen, eifriger katholischer Christ und ueberzeugter Roemer. Er war Reichsfeldherr und praktisch Herr des westlichen Reiches. Der Kaiser, Honorius ,(395-423) hatte faktisch keine Regierungsgewalt, war aber doch in der Lage, Stilicho im August 408 zu stuerzen und wenige Tage spaeter hinrichten zu lassen. Es folgte im Westreich eine Jagd auf alle Menschen barbarischer Abstammung.

Alarich erkannte die Chance und bot sich den Verfolgten als Retter an. Viele Zehntausend schlossen sich ihm an. Darunter waren auch viele Goten, die 405 ins Roemerreich ausgewichen waren , als die hunnische Grossmacht sich konsolidierte. Alarich zog dreimal vor Rom, um eine brauchbare vertragliche Regelung mit dem Kaiser zu erreichen. Doch auch die Einsetzung eines Gegenkaisers, die auf sein Betreiben durch den roemischen Stadtrat erfolgte, brachte ihn in diesem Punkt nicht weiter und musste rueckgaengig gemacht werden. Er erreichte zwar die Zahlung einer gewaltigen Kontribution und die zeitweilige Ernennung zum roemischen Heeresmeister , aber keine vertragliche Regelung fuer sein Volk.

Schliesslich riss den Goten die Geduld. Beim dritten Zug nach Rom drangen sie am 24. August 410 in die Stadt ein, pluenderten sie drei Tage lang und schleppten unermessliche Reichtuemer davon. Danach gaben sie Rom wieder auf und zogen nach Sueditalien, um in das kornreiche Afrika ueberzusetzen. Doch in Ermangelung einer Flotte scheiterten sie schon an der Strasse von Messina. Zudem starb Alarich noch vor dem Jahreswechsel und wurde nach der Legende im Busento begraben. Der Plan, nach Afrika ueberzusetzen, blieb aber auch nach dem Tode Alarichs bestehen.

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Lesen Sie hierzu, umfassend und uebersichtlich dargestellt :

DIE GESCHICHTE VON ATLANTIS, der vergessene Ursprung unserer Kultur
von Karl Juergen Hepke
Neuerscheinung Anfang 2004, TRIGA-VERLAG, Hardcover, 270 Seiten, Eur 19,80

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